
Vor über 50 Jahren hatte Karl Blitz den festen Glauben, daß eine Weltschrift dazu beitragen könne, Kriege zu verhindern. Wie viele andere Weltsprachen-Projekte - so z.B. Esperanto - geriet aber auch dieses Lebenswerk in Vergessenheit, bis es in den 70er Jahren doch noch Anerkennung fand: als Sprache der Nicht-Sprechenden. An der Universität Kaiserslautern wurde im Rahmen eines Projektes zum Einsatz neuer Technologien zur Kommunikation von Menschen mit Behinderungen jetzt auch die von Blitz entwickelte Symbolsprache eingesetzt. Als "Abfallprodukt" entstanden die ersten Internet-Seiten in dieser Sprache.
Karl Blitz wurde im Jahr 1897 in Czernowitz geboren, studierte in Wien und erlangte dort den Abschluß eines Chemie-Ingenieurs. Als Jude wurde er 1938 im KZ Dachau und später im KZ Buchenwald interniert. Die Nationalsozialisten verwiesen ihn 1939 des Landes. Über England und Kanada flüchtete er schließlich nach China, wo er in Shanghai von den Japanern in ein Ghetto abgeschoben wurde. 1946 wanderte er nach Australien aus und lebte dort bis zu seinem Tode im Jahre 1985.
Geprägt durch den Weltkrieg und die NS-Propaganda wurde Blitz in China durch die Möglichkeiten der dortigen Schriftsprache inspiriert. Als eines der wenigen nichtalphabetischen Symbolsysteme der Welt ist das Chinesische in der Lage, die kulturelle und auch sprachliche Vielfalt dieses Landes zu einen. Da die Schrift keine Repräsentation der Lautsprache darstellt, sondern Bedeutungen vermittelt, können sich Chinesen trotz unterschiedlicher Sprachen über die Schrift verständigen.
Vierzig Jahre lang hat Blitz, der sich bald den "friedvolleren" Namen Charles K. Bliss gab, an seiner Bedeutungsschrift ("Semantography") gearbeitet, davon dreißig Jahre fast ohne Beachtung durch die Öffentlichkeit. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg zeigte sich kein Verlag bereit, sein Manuskript anzunehmen. Daher brachte Bliss das Werk erstmals 1949 im Selbstverlag heraus. Erst 1971 wurde aufgrund einer Literaturrecherche im kanadischen Ontario Crippled Children's Centre das Lebenswerk von Bliss wiederentdeckt, als eine Gruppe von Therapeuten dieses Zentrums auf der Suche nach einer Kommunikationsmethode für körperbehinderte Kinder ohne funktionale Sprache war. Die zuerst begonnene Neuentwicklung eines eigenen Symbolsystems wurde zugunsten von BLISS, wie die Sprache von Charles K. Bliss genannt wurde, eingestellt, da BLISS durch Einfachheit wie auch Ausbaufähigkeit und Reichhaltigkeit überzeugte. In den Jahren 1971 bis 1976 wurden großangelegte Studien durchgeführt, die belegen, daß die Verwendung von BLISS zu positiven Veränderungen bei den Anwendern führt, angefangen bei der Möglichkeit zur Kommunikation mit anderen bis hin zur Unterstützung des Spracherwerbs oder sogar des Schriftverständnisses. Während BLISS in den Anfängen nur bei cerebralparetischen Kindern eingesetzt wurde, findet es heute auch bei Geistigbehinderten, Mehrfachbehinderten, Autisten, Aphasikern oder Schlaganfallpatienten Verwendung. Zusammen mit Charles K. Bliss wurde BLISS in Kanada überarbeitet und weiterentwickelt. Die Urheberrechte übergab Bliss an das Blissymbolics Communication International in Toronto, das damit weltweit die Lizenz zur Benutzung und Weiterentwicklung der Symbole besitzt.

Zur Kommunikation wird BLISS mit Hilfe von Symboltafeln eingesetzt, die sich
z.B. auf einem Rollstuhl befinden. Der BLISS-Benutzer kommuniziert, indem er
der Reihe nach auf BLISS-Symbole zeigt (z.B. per Hand, Augenbewegung,
elektronischer Auswahl, etc.). Der Kommunikationspartner liest die Bedeutungen
der Symbole, die darüber in alphabetischer Schrift stehen, laut vor. Seit
einigen Jahren existieren technische Hilfsmittel zur Unterstützung von
BLISS-Benutzern. Erst vor kurzem wurde in Kanada ein Pilotprojekt zur
Verwendung von BLISS im Internet gestartet. BLISS-Texte können nun als
elektronische Post versendet werden. Aufgrund des internationalen Charakters
der Sprache können so weltweit leicht Kontakte hergestellt werden.
Gewöhnungsbedürftig sicherlich für beide Seiten, sich beim
Kommunizieren aufeinander einzustellen, lohnenswert aber allemal, da
nichtsprechende Menschen durch BLISS ein beliebig ausbaubares Medium zur
Kommunikation besitzen, sprechende Menschen dagegen Kontakt zu einer bildhaften
und wertefreien Sprache erhalten, die neue Perspektiven auf unsere Welt
erlaubt.
Erschienen in: UNI SPECTRUM 1, Universität Kaiserslautern 1997, ISSN 0937-4728
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