MISP im WS 98/99:

Zwischen betriebswirtschaftlichen Zwängen und sozialen Anforderungen:

Das Krankenhaus der Zukunft!?

Das Krankenhaus ist das Thema des interdisziplinären Studienprogramms in diesem Semester. Welche Rolle wird das Krankenhaus in der Zukunft spielen, wenn die betriebswirtschaftlichen Zwänge auf der einen und die medizinischen und sozialen Anforderungen auf der anderen Seite sich (auch) am Krankenhaus manifestieren werden? Beide Seiten sind heute schon massiv im Krankenhaus zu spüren und werden es in Zukunft noch viel mehr sein. Das machten die Vortragenden der Einführungswoche, die vom 05. bis 09. Oktober an der Universität Kaiserslautern stattfand, auf beeindruckend vielfältige Art und Weise klar. Die Bandbreite der Beiträge ging von der konkreten strukturellen und finanziellen Situation am Westpfalz-Klinikum in Kaiserslautern über architektonische und betriebswirtschaftliche Fragestellungen bis hin zu Fragen der Krankenhausseelsorge und medizinischen Alternativkonzepten zum Krankenhaus.

Betriebswirtschaftliche Zwänge und soziale Anforderungen

Die Woche begann mit einer Darstellung aus der Praxis: Frau Dietrich, die Geschäftsführerin der Westpfalz Klinikum GmbH, war zu Gast und berichtete zum einen über die Organisation und die Struktur eines Krankenhauses der Maximalversorgung, so wie es in Kaiserslautern zu finden ist. Zum anderen brachte sie den TeilnehmerInnen das für Laien nicht ganz leicht zu verstehende System der Abrechnung von ärztlichen Leistungen in den Krankenhäusern nahe. Den Nachmittag gestaltete Professor Bähre von der Fachhochschule Kaiserslautern. Prof. Bähre ist dort im Fachbereich Architektur tätig, zu seinen Spezialgebieten zählt auch die Architektur von Krankenhäusern, was er durch viele innovative Ideen und erste Preise bei Wettbewerben eindrucksvoll belegen kann. Er stellte verschiedene architektonische Ansätze von den Anfängen der Krankenhaus-Architektur bis in die heutige Zeit vor und erarbeitete mit den Teilnehmern und Teilnehmerinnen Kriterien für einen guten Entwurf eines Krankenhauses.

Am Morgen des zweiten Tages stellte PD Dr. Schubert seine Thesen zum Thema "Organisationspsychologische Aspekte im Krankenhaus" vor. Dr. Schubert hat einen Vertretungsprofessur für Psychologie an der Universität Kaiserslautern inne. In seinem Vortrag standen die MitarbeiterInnen eines Krankenhaus im Vordergrund: die verschiedenen Hierarchien mit ihren Vor- und Nachteilen, die Zusammenarbeit der verschiedenen Berufsgruppen (Ärzte und Ärztinnen, im Pflegebereich Tütige, Verwaltungsangestellte) und der Zusammenhang zwischen der Leistung der Organisation und der individuellen Entwicklung eines jeden Angestellten. Auch im zweiten Vortrag ging es um das Personal. Frau Schwarzmüller von der Firma Schwarzmüller und Medinn stellte ein ursprünglich am DFKI entwickeltes Software-Produkt zur Dienstplangestaltung vor und erklärte während der Präsentation die Schwierigkeiten, vor die eine Pflegeleitung bei der Generierung eines neuen Dienstplanes gestellt ist.

Am Mittwoch Morgen stand dann der Patient und die Patientin im Vordergrund: Pfarrer Annweiler von der Apostelkirche in Kaiserslautern sprach über die seel(sorger)ische Begleitung der PatientInnen im Krankenhaus. Herr Annweiler absolvierte eine Ausbildung als Krankenhausseelsorger an verschiedenen Kliniken in New York und war so in der Lage, den TeilnehmerInnen einen fundierten Systemvergleich USA-Deutschland zu liefern. Kern der Aussage war, daß das amerikanische System, in dem die SeelsorgerInnen der Verwaltung des Krankenhauses unterstehen, europäisiert und das deutsche System, in dem sie häufig als Fremdkörper im System angesehen werden, aber dadurch auch nicht vom Geld des Krankenhauses abhängig sind, amerikanisiert werden solle. Professor Dr. Brökelmann, der erste Vorsitzende des Bundes für Ambulantes Operieren, gestaltete dann den Nachmittag. Er begann mit der Darstellung der Geschichte der medizinischen Versorgung und des Krankenhauses von den Anfängen in römischer Zeit bis heute und vertrat die Meinung, daß nach dieser langen Zeit der Konzentration der medizinischen Versorgung in Krankenhäusern nun die Zeit gekommen sei, wieder einen Teil dieser Versorgung aus den Krankenhäusern heraus zu nehmen und in kleinere Einheiten wie zum Beispiel Tageskliniken und Zentren für Ambulantes Operieren zu geben.

Der Donnerstag stand ganz im Zeichen der Betriebswirtschaft und des Operations Research. Dr.Henning aus der Arbeitsgruppe Medizinökonomie der Universität Erlangen und Dipl. Kaufmann Warnke, ebenfalls aus Erlangen, stellten anhand verschiedener Fallstudien dar, wo und mit welchen Mitteln Veränderungen am System erreicht werden können, die zu einer Verbesserung der Gesamtsituation des Krankenhauses führen. Nach der Vorstellung einer Studie zur Frage der optimalen Strategie bei der Versorgung des Hauses mit Arzneimitteln durch Apotheken konnten dann die TeilnehmerInnen aktiv werden: In Kleingruppen schlüpften sie am Rechner mit Hilfe des in Erlangen entwickelten Simulationsprogramms in die Haut einer Krankenhausleitung. Es sollte dabei versucht werden, durch verschiedene Entscheidungen, die im Laufe des Planspiels zu treffen waren, die Ziele, die vorher definiert worden waren, möglichst optimal zu erreichen. Den Abschluß des Tages bildete eine Vorstellung verschiedener Methoden des Operations Research zur Entscheidungsfindung.

Den letzten Tag der Vortragsreihe läutete dann Professor Dr. Priester von der evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen ein mit dem Thema "Krankenhäuser zwischen Kostendruck und Patientenbedürfnissen - Hat des "gesundheitsfördernde Krankenhaus" eine Zukunft?". Nach mehrjähriger selbständiger Tätigkeit, unter anderem als Autor verschiedener Studien über die Situation der Pflege in Hessen sowie über den zukünftigen Pflegebedarf ist Prof. Priester nun tätig im Bereich Pflegepädagogik der evFH Ludwigshafen. Er stellte unter anderem dar, daß es in Zukunft unerläßlich sein wird, daß die Sektoren Krankenhaus - Ambulantes Operieren - Ambulante Pflege und Heime wesentlich stärker koordiniert werden müssen, um eine regionale Über- bzw. Unterversorgung zu verhindern. Den Abschluß bildete, wie auch schon in anderen MISP-Vortragswochen, ein Beitrag von Dr. Ehrgott von der Universität Kaiserslautern über interdisziplinäre Arbeitstechniken. Hier sollte insbesondere den TeilnehmerInnen an den Projekten ganz konkrete Hilfsmittel an die Hand gegeben werden, wie sie mit Problemsituationen während der Arbeit im Team umgehen können.

Projekt Leitzentrale am Westpfalz-Klinikum

Auch in diesem Semester konnten sich die interessierten TeilnehmerInnen wieder aus unterschiedlichen Fragestellungen, die immer in Zusammenarbeit mit Partnern aus der Praxis behandelt werden, ihre "Lieblingsprojekte" heraussuchen, die sie dann in interdisziplinär besetzten Gruppen behandeln sollen. Dieses Mal fiel die Wahl auf ein Projekt mit dem Westpfalz-Klinikum Kaiserslautern. Dabei geht es im weitesten Sinne um die Mitarbeit beim Aufbau einer sogenannten Leitzentrale, in der alle Transporte, die im Krankenhaus anfallen, koordiniert werden sollen. Es handelt sich dabei unter anderem um PatientInnentransporte zwischen Station und Leistungsstelle, um das Versorgen der Stationen mit Medikamenten bzw. das Überbringen von Laborproben bis hin zum Transport von Müll, Wäsche und Essen.

Dagmar Tenfelde


Das Buch zu MISP im WS 98/99 mit dem vorläufigen Titel

"Das Krankenhaus der Zukunft!?",
in dem sowohl die Vorträge als auch ein Bericht der Projektgruppe veröffentlicht werden, wird voraussichtlich im Winter 1999/2000 erscheinen.


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