DIE STRASSE

oder der Stadtraum der Zukunft


Vortrag von Prof. Ingemar Vollenweider

Donnerstag, 8. November, 17.15 Uhr

Gebäude 42, Hörsaal 110


Die Strasse, von der ich spreche, ist ein öffentlicher Raum, der definiert wird durch einzelne Häuser, die auf ihren privaten Parzellen gebaut sind. Im Sockelgeschoss wird Handel getrieben, in den Obergeschossen gewohnt oder gearbeitet. Die einzelnen Häuser bringen jeweils die Individualität ihrer Besitzer und deren Architekten zum Ausdruck, bilden aber Kraft der architektonischen Konvention über die Zeiten hinweg immer auch ein charakteristisches Ensemble des Zusammengehörigen aus. 

Von diesem historischen Modell von Strasse leben unsere Stadtzentren bis heute - sie zehren davon. Denn diese Strasse scheint ein Auslaufmodell zu sein. Das hat verschiedene Gründe, nicht zuletzt auch unser aller Wunsch, auf immer mehr Fläche, möglichst individuell und mit viel Grün und Ausblick zu wohnen. Jene Strasse aber, die ich meine, steht für die dicht bebaute, architektonisch und sozial immer weiter verfeinerte Stadt, und damit gleichzeitig auch für das nachhaltigste Stadtmodell, das es bis heute gibt. Da können all die frei stehenden Solitärbauten, die unseren zeitgenössischen Städtebau kennzeichnen, mit noch so viel Polystyrol, den wir irgendwann als Sondermüll entsorgen werden, eingepackt und gedämmt werden - die Gesamtenergiebilanz dieser Siedlungssysteme fällt negativ aus. 

Aber auch da, wo es heute für einmal wieder zu einem Haus für Haus gebauten Strassenzug kommen soll, wird sichtbar, dass unsere Gesellschaft, stellvertretend ihre Architekten, keine Konventionen mehr leben, die zu mehr als einer Summe der Teile, also zu einer Vielfalt in der Einheit führen würden. Jene Strasse wieder zu entdecken, käme also einem Paradigmenwechsel gleich, der angesichts unserer wirtschaftlichen, ökologischen und kulturellen Herausforderungen, allerdings dringend ansteht.

Aber auch da, wo es heute für einmal wieder zu einem Haus für Haus gebauten Strassenzug kommen soll, wird sichtbar, dass unsere Gesellschaft, stellvertretend ihre Architekten, keine Konventionen mehr leben, die zu mehr als einer Summe der Teile, also zu einer Vielfalt in der Einheit führen würden. Jene Strasse wieder zu entdecken, käme also einem Paradigmenwechsel gleich, der angesichts unserer wirtschaftlichen, ökologischen und kulturellen Herausforderungen, allerdings dringend ansteht.


Prof. Ingemar Vollenweider

Ingemar Vollenweider ist seit 2006 Professor für Stadtbaukunst und Entwerfen am Fachbereich Architektur der TU Kaiserslautern. Studium der Architektur an der ETH Zürich und an der Graduate School of Architecture, Planning and Preservation (GSAPP) der Columbia University in New York. 1999 gründet er gemeinsam mit seiner Partnerin Anna Jessen ein Architekturbüro in Basel, das sich mit verschiedenen Wettbewerbserfolgen und entsprechenden Realisierungen profiliert hat, insbesondere mit Projekten, die sich mit dem städtischen Kontext und mit dem Weiterbauen vorhandener Bausubstanz auseinandersetzen. Diese Themen sind ebenfalls Inhalt verschiedener Publikationen und Ausstellungsprojekte, wie z.B. der Beitrag ‚swiscity - visions for the urban territory’ an der Architekturbiennale 2006 in São Paolo oder 2010 der Beitrag ‚Stadtbaukunst Heute?’ in ‚Dortmunder Vorträge zur Stadtbaukunst 2’.