Hans Poelzig (1869-1936). Architekt - Lehrer - Künstler


In der deutschen Architekturszene der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war Hans Poelzig präsent wie wenige andere: durch sein Oeuvre, durch seine Lehrtätigkeit - er galt als begnadeter Lehrer - und nicht zuletzt durch seine farbige Persönlichkeit, seinen Witz und sein kraftgenialisches Temperament. "Ein Kerl wie Poelzig", heißt es bei zeitgenössischen Autoren wie Adolf Behne und Paul Westheim. Es gibt kaum eine Bauaufgabe, in der er nicht tätig war und Beispiele setzte: das private Haus, die Quartiersplanung, der Industriebau, das großstädtische Warenhaus, der Verwaltungsbau, Theater, Kino, Messebau, Rundfunk.

Das Prestige, das Poelzig in Öffentlichkeit und Kollegenschaft genoss, schlug sich in den Ämtern nieder, die er wahrnahm: Direktor der Breslauer Kunst- und Kunstgewerbeschule, vier Jahre lang Stadtbaurat in Dresden, 1919-21 Erster Vorsitzender des Deutschen Werkbunds, Vorstandsmitglied des Bundes Deutscher Architekten, von 1923 an Professor der Technischen Hochschule Berlin-Charlottenburg. Poelzig hatte eine berufspolitsche Schlüsselstellung inne. Es gab wenige Entwicklungen und Ereignisse in deutscher Architektur und deutschem Städtebau, zu denen nicht seine Meinung gefragt war und seine Äußerungen kolportiert wurden.

Der Preußischen Akademie der Künste war Poelzig eng verbunden. 1920-35 leitete er ein Meisteratelier der Akademie für Architektur, das zunächst in den Communs des Potsdamer Neuen Palais untergebracht war. 1922 wurde er zum Mitglied ernannt. 1931 widmete die Akademie ihm eine große Ausstellung am Pariser Platz. Zum Vizepräsidenten wurde er 1932 gewählt, trat aber 1933 zurück.

In den ersten Jahrzehnten des Jahrhunderts hätte niemand gezweifelt, dass Poelzig neben Peter Behrens und Theodor Fischer die bestimmende Kraft innerhalb der älteren Generation war. Auch die Jüngeren respektierten ihn, wenn auch manchmal mit Unmut. Anders als Fischer oder Heinrich Tessenow ließ er sich nicht dem konservativen Flügel zuordnen. Er nahm an Unternehmungen der Avantgarde teil wie der Stuttgarter Weißenhofsiedlung oder den internationalen Wettbewerben für das Völkerbundpalais in Genf, den Sowjetpalast in Moskau, das Theater in Charkow.

In Massengliederung und Oberflächengestaltung blieben Poelzig-Projekte jedoch auch in diesen Jahren als individuelle Leistungen kenntlich. In ihrer plastischen Wirkung, ihrem spezifischen Gewicht und ihren vibrierenden Fassadenhäuten unterschieden sie sich deutlich von der klassischen Moderne eines Walter Gropius oder Mies van der Rohe. "Eine Tendenz zur Breitenwirkung", hat man ihm doppeldeutig attestiert. Monumentalität, lange Zeit ein Tabu in der Moderne, hat Poelzig nie gescheut. Architektur blieb für ihn eine Kunst der symbolischen Formen.

Aus der Geschichte der deutschen Architektur ist dieser Baumeister nicht wegzudenken. Im internationalen Kontext dagegen wäre für sein Werk erst noch die Position zu suchen. Anders als die Emigranten der deutschen Architekturmoderne ist Poelzig im Lande geblieben. Dem Versuch, während des "Dritten Reichs" in der Türkei ein neues Arbeitsfeld zu finden, kam 1936 der Tod zuvor. So hat er nur innerhalb der damaligen Grenzen des Deutschen Reichs gebaut. Publikationsmöglichkeiten, wie sie Walter Gropius, Ludwig Mies van der Rohe oder Erich Mendelsohn im Exil dank ihrer Lehrtätigkeiten und ihrer internationalen Kontakte hatten, blieben ihm verschlossen.

Ein weiterer Aspekt macht Poelzigs Werk heute interessant. Poelzig war ein Meister vieler Künste. Er war ein leidenschaftlicher Zeichner, ein Maler, dessen Ölgemälde die Aktionsmalerei späterer Jahre vorwegnahmen, leidenschaftlich an Theater und Film interessiert. Er war sich nicht zu schade, Szenen für Filme zu bauen (Der Golem, Lebende Buddhas, Zur Chronik von Grieshuus), entwarf Bühnenbilder und hätte am liebsten selbst Regie geführt. Dieses Engagement schlug sich auch in seiner Architektur nieder, die von szenographischen Momenten geprägt war und sich manche Grenzüberschreitungen erlaubte. Im Umkreis Poelzigs hat man sogar diskutiert, wie Architektur in Farblichtspielen aufgehen könnte. Bei Poelzig kam dieses Interesse an der Vielfalt künstlerischer Äußerungsmöglichkeiten aus dem Glauben an das Gesamtkunstwerk, dem viele anhingen. Aber in einer Epoche des Medienmix und der Virtualisierung von Architektur fällt auf dieses Werk ein anderes Licht.

Prof. Dr. Wolfgang Pehnt, Prof. Dr. Matthias Schirren