Studium in den Gründungsjahren

Als Physikabsolvent zum Bundeskriminalamt


Ruprecht Nennstiel war einer der ersten, die Anfang der 70er Jahre mit einem Studium an der jungen Universität in Kaiserslautern angefangen haben. Dass sein Weg den Theoretischen Physiker zum Bundeskriminalamt führen sollte, war eher Zufall. Rückblickend schätzt er an seiner Alma Mater vor allem die familiäre und freundschaftliche Atmosphäre.

Als die noch junge Universität in Kaiserslautern damals ihre Pforten öffnete, war auch Ruprecht Nennstiel einer der ersten, die sich hier für ein Studium entschieden hatten. Gerade frisch aus dem Gymnasium hat sich der angehende Student für ein Physikstudium immatrikuliert. „Die ersten Vorlesungen fanden an der Pädagogischen Hochschule statt, unweit des heutigen Campus“, erinnert er sich. Aber dann folgten auch Veranstaltungen auf dem neuen Campus. „Über die Baustellen sind wir zu unseren Lehrveranstaltungen gegangen“, sagt Nennstiel und lacht.

Generell sei dies eine abenteuerliche Zeit gewesen, an die er sich gerne erinnert. „Eine Neugründung war auch damals eine besondere Sache.“ Im Prinzip ging es für den damaligen Studenten weiter wie in der Schule. „Es war kein Massenbetrieb, sondern eher wie in einem Klassenverband übersichtlich“, fährt er fort, „die Professoren waren wie Lehrer, man war sich nicht fremd.“

Vor allem dieses persönliche Verhältnis habe er geschätzt. Es war kein anonymes Studium, viel habe er mit seinen Kommilitonen unternommen. „Auch unsere Professoren haben uns zu sich nach Hause eingeladen.“

Dabei war das Studium kein Zuckerschlecken: „Bis zum Vordiplom war es hart. Wir hatten viele Übungen in Physik und Mathematik.“ Danach fiel ihm das Lernen zunehmend leichter, „auch weil ich viele Sachen besser verstanden hatte“, schiebt er hinterher.

Der Zufall war es dann, der ihn nach seinem Studium zum Bundeskriminalamt (BKA) führen sollte. „Am Schwarzen Brett hing eine Stellenanzeige des BKA, das einen Diplom-Physiker sucht.“ Die Stellenausschreibung fand er interessant. Zwar hatte er auch schon andere Stellenangebote im Blick. Es war aber nie das Richtige dabei. Nennstiel versuchte sein Glück und wurde schließlich genommen. „Mir war es wichtig, etwas gesellschaftlich Sinnvolles zu tun“, sagt er. Der Theoretische Physiker begann seine Laufbahn in Wiesbaden als Sachverständiger für Schusswaffen. „Dabei hatte ich mich privat nie für Waffen interessiert und die Distanz dazu blieb mir im Laufe des Berufslebens immer wichtig.“

Dass seine Arbeit durchaus mit Physik und Mathematik zu tun hatte, stellte der frischgebackene Absolvent schnell fest. Es ging darum, Schusswaffendelikte anhand der Ballistik zu rekonstruieren, das Tatgeschehen mithilfe von Flugbahnen, Fundorten von Projektilen und Hülsen, Defekten an getroffenen Gegenständen, Tatwaffen und dem Standort des Täters nachzubilden. „Mein Chef hatte mir damals freie Hand gelassen“, sagt er. „Ich habe viele Experimente durchgeführt, um mich in die Materie einzuarbeiten.“

Als Gutachter war Nennstiel bei zahlreichen Gerichtsverfahren quer durch die Republik beteiligt. Direkt zu Beginn seiner beruflichen Laufbahn war er mit der Tatrekonstruktion bei der Entführung von Arbeitgeber-Präsident Hanns Marin Schleyer durch die Rote Armee Fraktion, RAF, befasst.

Was ihm auch in Erinnerung geblieben ist, war der Amoklauf am Gutenberggymnasium in Erfurt. Anhand der ballistischen Spuren hat er den kompletten Tatverlauf rekonstruiert. „Bei solchen Taten muss man die Distanz wahren, man darf das nicht zu nah an sich ran kommen lassen“, sagt Nennstiel.

Seit rund vier Jahren ist der 68-Jährige im Ruhestand. Rückblickend kann er sagen, dass ihn sein Studium gut aufs berufliche Leben vorbereitet hat. „Man musste im Studium Ausdauer an den Tag legen“, sagt er, „Man darf nicht aufgeben und muss immer weitermachen.“

2019

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