BMBF- Verbundprojekt: Stadterneuerung am Wendepunkt – die Bedeutung der Bürgerinitiativen gegen den Altstadtverfall für die Wende in der DDR“ (Stadt-Wende)

Ziel des Verbundprojektes

Ziel des Verbundprojekts ist es, den Altstadtverfall in der DDR in seiner ursächlichen Bedeutung zu erfassen, dessen Impulse für die Entfaltung der Bürgerbewegungen als wesentlicher Teil der gesellschaftlichen Wende 1989 zu erklären und darüber hinaus die Stadtentwicklungspolitik nach der deutschen Einheit im Sinne jener Erfahrungen neu einzuordnen und zu bewerten.

Zeitlauf

Das Verbundprojekt startet auf 01. Januar 2019 und hat zunächst eine Laufzeit von vier Jahren. Die Projektleitung übernimmt Prof. Dr.-Ing. Holger Schmidt (Fachgebiet „Stadtumbau und Ortserneuerung“). Der Lehrstuhl Stadtplanung der TU Kaiserslautern (Prof. Dr.-Ing. Detlef Kurth) ist neben der Bauhaus Universität Weimar, der Universität Kassel und dem Leibniz-Institut Erkner Verbundpartner.

Kooperation

Das Verbundprojekt besteht insgesamt aus zehn ForscherInnen und den fünf ProjektleiternInnen, die eine aufeinander abgestimmte Forschungsstrategie mit interessanten wissenschaftlichen und öffentlichkeitswirksamen Aktionen verfolgen.

Teilprojekt TU Kaiserslautern

Ziel des Teilprojekts der TU Kaiserslautern ist es zu untersuchen, welche Bedeutung Stadtplanerinnen und Stadtplaner in den Bauämtern und staatlichen Planungsbüros bei der Stadterneuerung zukam. Welche Auswirkung hatte ihr Handeln und ihre Einbindung auf den verschiedenen Ebenen des Staates, unter Berücksichtigung des Spannungsfelds zwischen dem Altstadtverfall vor Ort und der offiziellen Stadtplanungspolitik und deren Planungsinstrumenten?

Darüber hinaus erforscht das Teilprojekt, welchen Einfluss die Ost-West-Kontakte von Expertinnen und Experten zur Stadterneuerung ab den 1970er Jahren auf die Stadterneuerungspraxis vor und nach der Wende besaßen. So wird beispielsweise untersucht, ob es Auswirkungen auf das Denkmalschutzgesetz der DDR gab und ob sich daraus mittelfristig Folgewirkungen in Förderprogrammen nach der Wende ergaben, z.B. in dem Förderprogramm „Städtebaulicher Denkmalschutz“. Zudem übernimmt die TU Kaiserslautern die Gesamtkoordination des Verbundprojekts und stellt den umfangreichen, projektübergreifenden Wissenstransfer sicher.

Einordnung & Hintergrund

Der Stadtverfall der DDR-Innenstädte war in den 1980er Jahren ein nicht mehr zu leugnendes und sichtbares Zeichen für den Niedergang der gesamten Gesellschaft. Die marode Bausubstanz, zunehmende Leerstände und großflächige Abrisse von historischer Bebauung zugunsten einer zentralistisch gesteuerten Neubebauung mit uniformen Plattenbauten wurde in den betroffenen Städten teilweise sehr kontrovers diskutiert. Es regte sich Widerstand gegen diese Art brachialer Stadtzerstörung.

Das Forschungsprojekt geht von der These aus, dass der zunehmende Stadtverfall vielerorts ein Auslöser für Bürgerproteste und damit auch für die friedliche Revolution im Herbst 1989 waren. Beispielhaft dafür steht die Stadt Leipzig mit ihrem sichtbaren Leerstand und Zerfall, die sich zu einem Zentrum des Widerstands entwickelte. Die Proteste für eine andere und behutsame Stadtentwicklung wurden von einem breiten Spektrum an Akteuren offen oder verdeckt vorgetragen.

So gab es kritische und opponierende Stimmen von einzelnen engagierten Bürgern oder Bürgergruppen, die sich teilweise unter dem Dach der evangelischen Kirche versammelten und in unter-schiedlicher Form gegen die Missstände angingen. Andere Gruppen schlüpften unter das Dach des offiziellen DDR-Kulturbundes und trugen ihre Kritik in Form von Eingaben vor oder kümmerten sich in freiwilliger Arbeit um abrissbedrohte Gebäude. Nur wenige dieser Aktivitäten sind bislang wissenschaftlich ausgewertet und zumeist als lokalhistorische Studien veröffentlicht worden. Nach unseren bisherigen Recherchen existierten in DDR-Städten mit dem Stichjahr 1989 insgesamt 72 zivilgesellschaftliche Gruppierungen gegen den Zerfall von Altstädten [vgl. DUBRAU 1991].

Auch das Institut für Denkmalpflege positionierte sich zunehmend gegen die praktizierte oder geplante Stadtzerstörung, ohne letztlich großflächig erfolgreich sein zu können, wie es die Dissertation von Keltsch [vgl. KELTSCH 2012] sehr eindrücklich nachweist.

Kritik am Verfall des baulichen historischen Erbes gab es auch aus der kritischen Wissenschaft [vgl. BERNHARDT/FLIERL/WELCH GUERRA 2012]. Die fachlich fundierte Kritik verblieb jedoch in einem reinen Fachdiskurs mit den zuständigen Stellen der Bauakademie, dem Ministerium für Bauwesen oder den jeweiligen Ebenen in der Parteihierarchie der SED.

Und nicht zuletzt gab es in vielen Klein- und Mittelstädten jenseits der Schwerpunktstädte des DDR-Plattenbaus beherzte und engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Bauämtern und staatlichen Planungsbüros, die sich der Erhaltung „ihrer“ Altstädte verschrieben hatten und z.B. durch die gezielte Lenkung der raren Baukapazitäten auf die abrissbedrohte historische Bebauung dafür sorgten, dass diese langfristig erhalten werden konnte.

Die Kritik an der damaligen Stadtzerstörungspolitik in den DDR-Städten weist deutliche Gemeinsamkeiten mit der Diskussion über die Abkehr von der sogenannten Kahlschlagsanierung in den 1970er Jahren in der damaligen Bundesrepublik auf. Auch das Europäische Denkmalschutzjahr 1975 hatte weitreichende programmatische und gesetzliche Auswirkungen für eine erhaltende Erneuerungspolitik. Im Jahr 1975 hatten fünf der damals zwölf Bundesländer bereits Denkmalschutzgesetze erlassen, und auch die DDR erließ im Sommer 1975 ein sogenanntes Denkmalpflegegesetz, ohne allerdings die materiellen Voraussetzungen für eine erhaltende Denkmalpflege zu schaffen.

Die Diskussion über die Behutsamkeit der Stadterneuerung zwischen Stadterhalt und Stadtabriss in der damaligen Bundesrepublik mündeten 1983 beispielsweise in den 12 Grundsätzen der behutsamen Stadterneuerung in Berlin(West)[vgl. HÄMER 1990]. Im Zuge der Internationalen Bauausstellung in Berlin Kreuzberg 1987 konnten erste erfolgreiche Strategien einer behutsamen und bewoh-nerorientierten Stadterneuerung aufgezeigt werden. Das zeitgleich in (Ost-) Berlin gefeierte 750. Jubiläum von Berlin wurde medial begleitet von exemplarischen Erneuerungsprojekten im Stadtbezirk Prenzlauer Berg (behutsame Variante) und im neu gebauten, historisierenden Plattenbau-Stil Nikolaiviertel in der historischen Altstadt Berlins (radikale Variante).

So wurde Ende der 1980er Jahre in der DDR sowohl in zahlreichen Bürgerinitiativen, aber teilweise auch in der politischen Programmatik bereits eine behutsame Stadterneuerung vorbereitet, wenn auch i. d. R. die Ressourcen fehlten, um sie umzusetzen. Die unmittelbar nach der Wende einsetzende behutsame Erneuerung der ostdeutschen Innenstädte gilt als einer der größten gesamtdeutschen Erfolgsgeschichten [vgl. KRAUTZBERGER 2017] und wird seither in vielen Veröffentlichungen beschrieben. Bereits um die Jahreswende 1989/1990 fand ein intensiver Austausch von Fachkollegen und Ministerien statt, um die historische Bausubstanz zu retten.

Grundlage der Erneuerungswelle in fast allen ostdeutschen Städten waren passgenaue Städtebauförderprogramme mit einem erheblichen Mitteleinsatz für die behutsame Stadterneuerung sowie das rechtliche Instrumentarium des seit Sommer 1990 auf dem Gebiet der DDR eingeführten Bauplanungs- und Zulassungsverordnung (BauZVO) und des Baugesetzbuches (BauGB) nach der Deutschen Einheit. Es entstanden neue Förderprogramme wie „Städtebaulicher Denkmalschutz“ mit Fokus auf denkmalwerte Altstädte sowie neue Planungsinstrumente wie Städtebauliche Verträge und Integrierte Stadtentwicklungskonzepte, die wichtig für eine zügige und flexible Umsetzung waren und später auch im Westen Deutschlands erfolgreich angewendet wurden.

Diese regulatorischen Rahmensetzungen und Förderprogramme (Städtebaurecht und Städtebauförderung) wären jedoch ohne eine breite Akzeptanz und Unterstützung durch die Bevölkerung, bürgerschaftliche Gruppen oder handelnde Akteure in den städtischen Verwaltungen ins Leere gelaufen. Daraus ergibt sich die These, dass die erfolgreiche Stadterhaltungs- und Stadterneuerungspolitik als deutsch-deutsches Gemeinschaftswerk ihre wesentliche Basis in den offenen oder verdeckten Protestbewegungen sowie in der kritischen Fachwissenschaft gegen die damalige Stadtzerstörungspolitik hatte.

22.11.2018 von Thomas Fischer